Ein Bericht über ein Monument des Radsports, die Flandernrundfahrt 2018, aus der Sicht von unserem Konstantin „Konsti“ Kniese. Viel Spaß beim Lesen.

Bereits letztes Jahr schlummerte in einigen von uns der Gedanke, mehr an Radrennen teilzunehmen. Da wir für Lizenzrennen leider zu wenig spezialisiert sind und die Wahrscheinlichkeit eines Massensturzes durch uns in solchen Rennen auch nicht minimiert wird, schauten wir uns nach geeigneten Jedermann-Rennen um. Angesichts der überschaubaren Anzahl an attraktiven Rennen in heimischer Umgebung beschlossen wir den Fokus etwas weiter zu ziehen und die großen Frühjahrsklassiker in Erwägung zu ziehen. Die Diskussion für und wider konkreter Rennen fiel kurz und knapp aus: Mein alter Freund Jan aus Hildesheimer Zeit nannte eine alte whatsapp-Gruppe kurzerhand in „Ronde van Vlaanderen 2018“ um, womit die Entscheidung gefallen war. Meine Werbeversuche beim TTB um weitere Mitfahrer waren relativ erfolglos, lediglich Felix hatte keine Ahnung wie anspruchsvoll die Strecke ist und meldete sich auch an. Mit fortschreitendem Winter kamen wir jedoch nicht drum herum, mal darüber nachzudenken, wie und vor allem wann wir uns eigentlich vorbereiten wollen.

Vorbereitung auf Mallorca

Auf schönes Wetter zu warten, wäre definitiv zu spät. Während Jan fleißig seine Mittagspausen zum Trainieren nutzte, nagelten wir uns mehr oder weniger sinnvoll im Wohnzimmer auf der Rolle weg. Aber würde das reichen? Unter Druck gesetzt durch Jans zahlreiche Trainingseinheiten, die uns dank strava nicht verborgen blieben, kamen wir schnell zu dem Schluss, dass dies nicht der Fall sei. Zum Glück sind wir clevere Kerlchen und hatten auch schon die Lösung für unser Problem parat: Ab nach Mallorca. Gesagt getan, wenige Minuten später war alles gebucht. Einige wenige Tage später saßen wir tatsächlich auch im Flieger und verließen das -10°C kalte Deutschland.

Die Devise für Mallorca war einfach: So viele Kilometer runter reißen wie möglich und idealerweise sturzfrei bleiben. Beide Aufgaben haben wir bei größtenteils wunderbaren Wetter mit Bravour gemeistert. Wir sahen der Ronde wieder zuversichtlich entgegen!

Die unmittelbare Wettkampfvorbereitung wurde primär zu intensiven youtube-Studien genutzt. Felix dämmerte nun auch langsam, dass es die Strecke in sich haben könnte. Uns blieben aber noch einige wenige Tage um unser Rad mit einer adäquaten Übersetzung auszustatten (oder in der Radwerkstadt Schillingmann ausstatten zu lassen), um auch tatsächlich die Hügel hochzukommen. Als Faustregel rief Felix aus: Absteigen verboten. Der Boden ist Lava!

Jetzt waren wir bereit! Mittwoch vor Ostern ging es direkt nach der Arbeit los. Mehr oder weniger erfolgreich durch den Osterverkehr kommend, landeten wir abends im tiefen Westen Belgiens im absoluten Niemandsland in einer wunderbaren Bude. Jan war samt Familie schon vor Ort, das Team war komplett.

Das Team ist komplett. Jan, Konsti und Felix

Am nächsten Tag drehten wir unsere erste Proberunde über einen Teil der Strecke, erklommen unter anderem die legendäre Mur van Geraardsbergen (KOM wurde knapp verpasst…), flickten den ersten Platten und beobachteten zunehmend interessiert den Wetterbericht. Abgesehen von der durch Nässe hervorgerufenen Kälte hatte niemand wirklich Lust, die Kopfsteinpflasterpassagen im strömenden Regen zu passieren. Während der Himmel am Rennvorabend noch seine Pforten öffnete, war für den Renntag tatsächlich erst dann Regen angesagt, wenn wir schon im Ziel sein wollten…

Im Gegensatz zu den auch angebotenen kürzeren Strecken mit Start und Ziel in Oudenaarde mussten wir als Fahrer der langen Strecke zum Start nach Antwerpen. Also Wecker auf 3:30 Uhr am Samstag und ab zum Shuttlebus. Wie alles rund um das Rennen war auch dies super organisiert, sodass wir pünktlich in aller früh ankamen. Als erste große Hürde erwiesen sich dabei die ca. 500m vom Bus bis zum Start, die leider nicht jeder sturzfrei zu absolvieren wusste. So manch eine Pfütze war tiefer als gedacht…

Um 7 Uhr bei eisigen Temperaturen erfolgte endlich der Startschuss. Jan legte los wie die Feuerwehr und nagelte gnadenlos an zahlreichen vor uns gestarteten Fahrern vorbei, bis wir nach einer gefühlten Ewigkeit eine Gruppe hatten, die seinen Ansprüchen genügte. Wie ich allerdings den Tag überleben sollte, wenn ich schon auf den ersten flachen 90km (bevor die gnadenlosen Hügel kommen) komplett im roten Bereich war, war mir zu dem Zeitpunkt ein Rätsel… Nach rund 90km kam das erste längere Kopfsteinpflastersegment, unmittelbar danach jedoch dankenswerterweise unsere erste angesteuerte Verpflegungsstation. Ab dort bekam die Tour einen ganz anderen Charakter. Waren wir bis hierher flach unterwegs, ging es nun durch die hüglige Gegend der flämischen Ardennen. Oftmals über enge Feldwege jagten wir von einem der kurzen, aber brutal steilen Anstiege zum nächsten. Die Strecke war nun aber durch die Fahrer der kürzeren Strecken so voll, dass das Jagen nach Bestzeiten eingestellt werden musste (oder durfte…). Nichtsdestotrotz war es auch so noch brutal hart. Während Jan bereits an den ersten Rampen unser Blickfeld verließ, um oben immer auf uns warten zu dürfen, hatten Felix und ich mit unserem Material zu kämpfen. Während sich bei Felix der Sattel löste, konnte ich dank einer verbogenen Schaltung (eventuell hatte der faux-pas am Start damit zu tun…) leider nicht in die kleinen Gänge schalten. Nicht ideal, bei Steigungen bis jenseits der 20% auf feinstem Kopfsteinpflaster. Nach einer kurzen Reparatur ging es jedoch bei bester Laune weiter. Am legendären Koppenberg war es dann jedoch so weit: Wir mussten schieben… Wobei wir ohne die anderen schiebenden Leute um uns herum garantiert hochgekommen wären… Da sind wir uns sicher! Das Wetter hielt sich zum Glück bis zum Schluss, sodass wir nach rund 7:20h doch ein wenig stolz und vor allem unverletzt ins Ziel einrollen konnten.

Start am Morgen in Antwerpen

Am nächsten Tag mit anzusehen, mit welchem Tempo die Profis die Anstiege hochbrettern und zumindest ein Stück weit nachvollziehen zu können, welche Leistung eigentlich dahinterstecken muss, um diese hammerharte Strecke komplett Vollgas zu fahren, war der krönende Abschluss unseres Osterwochenendes. Den Belgiern beim Zelebrieren ihres großen Volksfestes Flandernrundfahrt zuzuschauen, war jedoch auch lediglich unwesentlich spannender. Die Stimmung an der Strecke war irgendwo zwischen Vatertag und Oktoberfest anzusiedeln, wobei von jung bis alt gefühlt das ganze Land am Streckenrand stand.

Wir sind uns jedenfalls sicher, dass dies nicht der letzte Spaß dieser Art für uns war. Die eingangs erwähnte Gruppe wurde aus unerklärlichen Gründen kürzlich auch schon in „Paris – Roubaix 2019“ umbenannt…

Glücklich im Ziel
TTB absolviert legendären Frühjahrsklassiker