ver·rückt = salopp; krankhaft wirr im Denken und Handeln. Danke Jan, für diese besonderen Einblicke!
 
Als Triathlet ist man ja eigentlich einiges gewöhnt. Der gemeine Triathlet schwimmt viel, fährt viel Rad und läuft auch hin und wieder mal viel. Ich habe nun schon einige wirklich verrückte Sachen gemacht, Triathlons aller Art, Radrennen über mehr als 300 km, Wanderungen über viele Kilometer und auch mal hier und da ein Marathon gelaufen. Für den Nicht-Sportller ist das sicherlich schon verrückt. Was aber an diesem Wochenende passiert ist, glaube und verstehe ich wohl erst in ein paar Wochen. Aber der Reihe nach.
 
Anfang des Jahres, wenn die Saisonplanung so langsam Formen annimmt, haben sich mein Sportfreund Sören und ich vorgenommen mal einen Trail-Lauf in Angriff zu nehmen, gerne mit ein paar Höhenmetern und auch gerne etwas länger. Unsere Wahl fiel dann relativ schnell auf die Walser Trail Challenge im österreichischen Kleinwalsertal. Diese besteht in der Maximalausprägung mit dem Zusatz “Pro” aus dem Widderstein-Trail (15 km und 980 hm) am Samstag und dem Walser Ultra (65 km und 4200 hm) am Sonntag. Für weniger wollten wir die lange Reise ins malerische Kleinwalsertal nicht auf uns nehmen und verrückt genug erschien uns das auch.
 
Das Training wurde dann dementsprechend etwas angepasst. Lange Läufe wurden mit ein paar Höhenmetern angereichert, soweit das in unseren Lagen möglich ist. Auch der Urlaub in Frankreich wurde genutzt um Trail-Erfahrungen zu sammeln. Und dann hieß es nur noch: machen!

Nach einer ruhigen Anreise am Freitag ging es dann am Samstag auf das “kurze” Stück des Widderstein-Trails. Hier war die Devise die Beine nicht komplett zu zerstören und mal zu schauen wie das Laufen im alpinen Hochgebirgen denn nun wirklich ist. Bei schönstem Wetter erfolge der Start für die ca. 450 Teilnehmer. Angekommen am höchsten Punkt der Etappe, bei der Hälfte der Distanz, wurde innerhalb von vielleicht 5 Minuten ein Gewitter mit Starkregen und Hagel zur zusätzlichen Herausforderung. Das hieß für uns, der Weg runter wird nicht unbedingt einfacher. Nach einer respektablen Zeit von 1:52 erreichten wir dann vollkommen durchnässt das Ziel. Soweit so gut. Es wurde uns anhand der Strecke nun so langsam klar, was uns am Sonntag erwarten würde.
 
Der Start für den langen Kanten am Sonntag erfolgte bereits um 6 Uhr und der Zielschluss für den Lauf wurde auf 22:00 Uhr festgelegt. Wir hatten also 16 Stunden Zeit diese Herausforderung gemeinsam zu meistern. Eine Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 4 km/h hätte ausgereicht um im Zeitlimit zu bleiben und das sollte doch wohl drin sein. Es gab zwischendurch auch insgesamt 3 Cut-Off Zeiten. Ist man dort zu spät, ist Ende und man wird aus dem Rennen genommen. Kurz vor dem Start wurde dann die für Bergläufe notwendige Pflichtausrüstung, wie Erste Hilfe Set, ausreichend Wasser und Kleidung kontrolliert. Denn bei so einem Lauf sollte jeder Läufer in der Lage sein sich auch bei einem Wetterumschwung selbstständig warm zu halten und zu verpflegen. 
 
Beim Start der ca. 150 Teilnehmern wollten wir gleich vorne mit dabei sein um beim Traileinstieg nicht warten zu müssen und unser eigenes Tempo machen zu können. Nachteil an dieser Taktik war, das wir ab km 3 ständig überholt wurden. Wie wir dann aber schnell feststellen mussten, war dies kein Rennen gegen die anderen Mitstreiter um Platzierungen, es war ein Kampf gegen sich selbst und schlussendlich auch gegen die Zeitlimits. Wir konnten von Anfang an nicht das von uns angepeilte Tempo laufen. Wir hatten teilweise Kilometer dabei wo wir 20-25 Minuten gebraucht haben um diese zu meistern.
 
Auch die 30 Grad und die direkte Sonne auf Kopf und Körper hat sein übriges getan, so daß ab Kilometer 30 dann wirklich der Gedanke ans Aufgeben immer mehr Gestalt annahm. Die Zeit verging wie im Fluge und die Kilometer wurden einfach nicht weniger. Auch die Vorbelastung aus dem Lauf vom Samstag war im Nachhinein nicht wirklich das Klügste was wir machen konnten.
 
Bei Marathondistanz angekommen hatten wir eine Zeit von ca. 8 Stunden auf der Uhr. Und die Beine wurden schwerer und schwerer. An Laufen war nicht mehr zu denken. Es wurde zur Qual. Ich habe immer nur noch auf das Kilometersignal meiner Uhr gewartet um zu wissen das es vorangeht. Aber das Schlimmste sollte noch kommen. Bei km50 an einer Verpflegungsstelle angekommen haben wir unsere Vorräte wieder aufgefüllt um dann den härtesten Anstieg zum so genannten Saubuckel in Angriff zu nehmen. 3 km Steil, Heiß, Steinig und sau hart. Der Name war Program. Aber auch hier hieß es Schritt für Schritt, Stein für Stein, Stufe für Stufe und irgendwann war auch dieser Anstieg geschafft. Nach den wirklich letzten 200hm kurz vor dem Ziel war es dann klar das wir das Ziel erreichen werden und auch im Zeitlimit bleiben. Mit einer Zeit von 13 Stunden und 43 Minuten konnten wir gemeinsam einen emotionalen Zieleinlauf feiern.
 
Was bleibt jetzt einige Tage danach? Vor allem die Frage, ob dieses Abenteuer nun verrückt war oder nicht. Geht es verrückter oder war dies schon verrückt genug? Am Morgen nach dem Lauf am Frühstückstisch unserer Pension erzählte uns Wolfgang, ein sehr erfahrener Trailrunner, sein Highlight wird im Oktober ein Trail-Event auf der französischen Insel La Reunion mit ca. 170km und ca. 10.000hm. Ist das verrückt?
Meine Mama hat immer gesagt….. verrückt ist nur der, der Verrücktes tut, oder?