Verrückt oder nicht - Jedenfalls glücklich und zufrieden im ZIel! (v.l.n.r Jan, Hagen, Swanntje)
Verrückt oder nicht – Jedenfalls glücklich und zufrieden im Ziel! (v.l.n.r Jan, Swantje, Hagen – Hinter der Kamera: Biggi)

Jan stellt sich die Sinnfrage, Hagen beeinflusst Robert Harting und Swantje zerlegt das Profi-Triathletinnen-Feld. Diesmal haben wir einen spannenden Bericht zum Mit-fiebern, Mit-leiden und Mit-freuen von der Mitteldistanz auf Rügen für euch. Ach ja, lieber Jan die oben stehende Frage beantworten wir dir natürlich gerne: Wer beim TTB mitmischt kann gar nicht alle Zähne am Kettenblatt haben – willkommen im Verein 🙂 Viel Spaß beim Lesen dieses spannenden Berichts!

 

Warum ich mich frage, wie verrückt ich bin wollt ihr nun wissen – nun fangen wir kurz von vorne an: Vor ungefähr zwei Jahren habe ich den Entschluss gefasst vom Schwimmen zum Triathlon umzusteigen. Schwimmer sind definitiv ein verrücktes Völkchen, aber jetzt mit der Erfahrung etlicher Trainings- und Wettkampfkilometer finde ich das Triathlonvölkchen noch ein Stück verrückter – denn es ist Samstagmittag Wettkampfbesprechung auf der Plaza in Binz. Neben mir ca. 1000 Athleten. Der Moderator fragt: Wer macht seine erste Mitteldistanz – es melden sich vielleicht 10 Triathleten mit mir. Ich bin beruhigt nicht alleine zu sein. Dann fragt der Moderator weiter: Wer macht seinen ersten Triathlon: Eine Meldung – ungläubiges Gelächter schallt über den Platz – immerhin gibt es noch einen Verrückteren! Die anderen sind aber auch nicht viel besser, sie haben schon mindestens einmal die Höllenqualen von 1,9 km Schwimmen, 90 km Radeln und 21 km Laufen hinter sich gebracht haben und starten trotzdem nochmal. Ich werde mich jedoch nicht das erste Mal an diesem Wochenende fragen, wie verrückt ich bin.

Nach der Wettkampfbesprechung putze ich meine Kette und packe meine Wechselbeutel. Die Wechselbeutel sind neu für mich. Entsprechend ausgiebig richte ich mir die Wechselzone am Nachmittag ein und präge mir die Laufwege  ein – Vorbereitung ist schließlich die halbe Miete. Schnell noch die Luftpumpe vom Nebenmann geborgt und einen netten Plausch in der Wechselzone gehalten: Die Triathleten sind nettes Völkchen – ausgenommen ist der Wettkampf – dazu später mehr.

Vorbereitung ist die halbe Miete!
Vorbereitung ist die halbe Miete!

Am Abend gibt es Nudeln beim Italiener. Langsam steigt auch die Nervosität. Ich muss jedoch nicht alleine die Aufregung durchstehen: Biggi ist (wie bei fast jedem Rennen) als Supporterin dabei, Swantje und Hagen starten selbst. Die beiden haben letztes Jahr schon mitgemacht, leider mit viel Pech: Swantje hatte einen Platten und Hagens Neo ging nicht mehr zerstörungsfrei auf (Anm. d. Red.: Wir glauben immer noch das Robert Harting sich hier seine weltberühmte Geste abgeschaut hat). Dieses Jahr ist also Wiedergutmachung angesagt. Wiedergutmachung betreibt auch das Wetter. Nach zwei verregneten Jahren soll das Wetter genial werden: 24 Grad und leicht bewölkt mit schwachem Wind. Guter Dinge aber mit Gedanken an die zig Quallen, die wir beim Anschwimmen gesehen haben, geht es früh ins Bett.

 

Der Wecker klingelt: Wettkampftag! Der Tag startet ohne viel Schlaf, aber mit gutem Frühstück zu viert. Danach geht es in die Wechselzone. Hier richte ich mit vielen anderen mein Rad ein: Aufpumpen, Schuhe anklicken, Helm auf den Auflieger setzen und Flaschen einstecken. Dann geht es zurück zum Apartment, um die letzten Vorbereitungen zu treffen: Einteiler, Uhr, Essen und Neo mitnehmen. In 60 Minuten ist der Start. Auf zum Strand!

Wie verrückt bin ich eigentlich? Ich stehe mit den Füßen im Wasser und versuche meinen Neo anzuziehen – in 20 Minuten ist Start – Einschwimmen ist schon vorbei. Alle anderen Triathleten haben ihren Neo schon an. Ich fange an zu schwitzen, denke an die Quallen und beobachte die anderen. Mehr als 1000 Leute, die Seebrücke ist voller Zuschauer, die Musik ist treibend und motiviert die Leute zum Mitklatschen. Der erste Kanonenschuss fällt und die männlichen Profis hechten ins Wasser. Ok, ich bin sehr verrückt das hier anzugehen. Die Profis entfernen sich nur ganz langsam, dann starten schon die Damen und plötzlich sind es nur noch 10 Minuten. Wir starten im „Rolling Start“, das heißt nach der voraussichtlichen Schwimmzeit absteigend in 4er Gruppen alle 6 Sekunden. Ich gehe in den Startbereich mit Swantje und Hagen und frage mich durch – auf einmal stehe ich in der ersten Startreihe. Ja ich muss verrückt sein, mein erster Ironman und ich starte ganz vorne. Neben den Kollegen die zwischen 25 und 26 Minuten anpeilen für die 1900 Meter – eigentlich dachte ich so an 26 bis 27 Minuten, aber passt! Dann ist es plötzlich noch eine Minute und kurze Zeit später donnert der Kanonenschlag über mich hinweg. Ich renne ins Wasser und gebe Vollgas. Meine Mitstreiter ebenfalls und es passt wunderbar. Wir bilden ein super Quartett und ziehen gegen die Strömung voll durch. Das Wasser ist trüb und Quallen nur sehr selten zu sehen. So kann es weitergehen. Die Ostsee wird ab der Hälfte rauer und die Quallen im letzten Drittel mehr. Kurz vorm Ziel noch eine Schrecksekunde: Auf einmal habe ich Füße im Gesicht. Wir sind auf den letzten weiblichen Profi aufgeschwommen – schnell dran vorbei und da ist dann schon der Strand. Bis es nicht mehr geht schwimme ich und richte mich auf, Knie hoch und raus aus dem Wasser. Ich gucke auf die Uhr: 24 Minuten – geil!

Nach 700 m leicht bergauf laufen komme ich in der Wechselzone an – der Puls pocht an der Grenze. Ich schnappe mir den Beutel, ziehe den Neo aus, Socken an und dann geht es zum Rad, Helm aufsetzen und raus aus der Zone, aufs Rad, in die Schuhe und Vollgas! Die ersten Kilometer gehen gut von der Kurbel – bis nach 8 km die Waldgrenze erreicht ist und die Bedeutung „schwacher“ Wind an der Ostsee neu zu definieren ist. Bergauf quäle ich mich mit Gegenwind bis nach Bergen, von dort wellig nach Putbus und mit hoher Geschwindigkeit zurück nach Binz: Runde 1 – Check! Auf der zweiten Runde kommt mir Hagen entgegen, er liegt gut im Rennen ca. 8 km hinter mir und dicht gefolgt von Swantje ca. 10 km hinter mir. Das freut mich sehr, beide scheinen eine gute Schwimmzeit zu haben und entsprechend schnell zu radeln, da sie nur kurz hinter mir sind. Derweil bin ich wieder an der Waldgrenze angekommen und muss feststellen, dass der Wind in der letzten Stunde ordentlich angezogen hat. Noch viel gequälter kämpfe ich mich nach Bergen – plötzlich kommen 3 Triathleten lutschend an mir vorbei gezogen. Sie ballern im Windschatten des Vorderen an mir vorbei. Ich kann sie noch ewig durch die langgezogenen Alleen sehen, leider auch wie sie das von hinten herbei eilende Motorrad für sich rechtzeitig entdecken: Das war leider nicht fair – dafür gibt es von mir den Daumen runter! Mit Ärger im Bauch fahre ich wieder im Rückenwind – die Kilometer purzeln: 75 – 80 – 85 – … kurz vor Ende steht Biggi und jubelt mir zu. Die Stimmung in Binz ist top! An den Zuschauern vorbei komme ich schnell in der Wechselzone an: Rad einhängen, Wechselbeutel schnappen, Schuhe an, Gel mitnehmen, Helm wieder rein und GO!

Mit Tempo renne ich aus dem Zelt – nach 200 m Pace 3:55! Nein, das ist zu schnell für den Halbmarathon der jetzt folgt! Einen Halbmarathon jetzt noch?!? Ich bin verrückt! Ich gucke auf die Uhr und da steht genau 3:00 Stunden – Geil! Aber bloß nicht so schnell weiter. Ich drossele mein Tempo auf 4:20 min/km. Wie sich für mich herausstellt später doch noch zu schnell, denn ich pendle mich bei 4:40 min/km ein. Die Sonne brennt von oben, in den Häuserschluchten von Binz ist der Wind nicht zu spüren. Nach 6 km kommt eine der Spezialwertungen am heutigen Tag: ein Anstieg mit 11 % Steigung über mehrere Hundertmeter. Die ersten Athleten müssen gehen. Oben angekommen geht es auf der anderen Seite wieder runter, um einen Wohnblock und dann wieder hoch. Ich bin am Ende und es sind gerad einmal 9 km zurückgelegt. Hagen kommt mir am Fuße des Anstiegs entgegen. Er ist angeschlagen und quält sich. Ich schreie ihm zu, dass er sich da verdammt nochmal hoch zu quälen hat, und versuche zu verdrängen, dass ich mir das gleich nochmal antun muss. Dann kommt Swantje ca. 500 m hinter Hagen. Die Info rufe ich ihr zu und bin begeistert, dass sie so schnell Radgefahren ist – sie wird am Ende des Tages die 4. schnellste Radzeit haben, vor ihr nur 3 weibliche Profis, den Rest der Profis lässt sie hinter sich! Ich quäle mich weiter und ab dem Kilometer 10 bricht mein Tempo ein. Ich nähere mich dem 5er Schnitt und Laufe dann noch langsamer. Durchhalten und beißen, es geht das zweite Mal den Anstieg hoch – inzwischen ist die Laufstrecke sehr voll – die meisten Leute gehen mit großen Schritten hoch. Ich gebe nicht auf und quäle mich im Schneckentempo an den Gehern vorbei und um den Wohnblock rum. Auf der Kuppe kommt mir Hagen entgegen – er hat Boden gut gemacht und scheint deutlich besser auf den Beinen zu sein – weiter so! Ich atze den Abstieg runter und freue mich, dass es nie wieder den Anstieg hoch geht. Jetzt muss ich das Ding noch nach Hause laufen: Noch 5 km! Mit dem 8. Gel des Tages läufts für mich auch deutlich besser! Ich kann Tempo aufnehmen, sehe Swantje und rufe ihr zu, dass sie das Ding jetzt nach Hause laufen muss! Ich nähere mich derweil dem letzten Kilometer und gebe Vollgas, alles brennt – egal Vollgas! Der Zieleinlauf kommt dann doch überraschend. Vorbei an den Zuschauern kündigt mich der Moderator an. Sehr bewegend! Ich bin im Ziel und gucke auf die Uhr: 4 Stunden und 47 Minuten – wirklich? Mir zittern die Knie. Hagen war kurz hinter mir, ich warte auf ihn und frage mich nochmal: Wie verrückt bin ich eigentlich?! Hagen kommt mit Tempo nach 4:50 Stunden ins Ziel gelaufen – geil! Jetzt warten wir zusammen auf Swantje: Sie kommt abgekämpft mit 5:02 Stunden ins Ziel! Geil – wir haben alle unsere persönlichen Ziele erreicht. Biggi kommt auch zu uns und zeigt unsere Platzierungen an: Swantje hat ihre Altersklasse mit Abstand gewonnen! Hagen ist auf Platz 15 und ich auf dem 13. Platz der AK. Das ist genial und so verrückt: 1,9 km Schwimmen in der offenen See, 90 km Radeln mit 420 Höhenmetern und 21 km Laufen mit 140 Höhenmetern – wir sind platt und überglücklich!

Wenn es Geschenke gibt, ist Swantje dabei! Altersklasse gewinnen auf Rügen - kann man mal machen. Respekt!
Wenn es Geschenke gibt, ist Swantje dabei! Altersklasse gewinnen auf Rügen – kann man mal machen. Respekt!

Die  Ergebnisse im Detail:

Jan 4:47,45 (26:09 – 2:30:06 – 1:45:49)

Hagen 4:50,35 (33:40 – 2:28:22 – 1:40:22)

Swantje 5:02,05 (36:16 – 2:28:04 – 1:51:22)

Meine erste Mitteldistanz: Ironman 70.3 auf Rügen oder wie verrückt bin ich eigentlich?!