Jan und Stephie beim Allgäu Triathlon.

Der Allgäu Triathlon – ein Wettkampf mit Kultstatus, bei dem unsere Stephie und unser Jan in diesem Jahr dabei waren. Stephies Fazit: „Das war ein ganz schön emotionales, anstrengendes, Kräfte zehrendes, aber wunderschönes Wochenende.“ Viel Spaß bei ihrem Bericht.

Meine Eltern haben mich für verrückt erklärt, als sie erfuhren, dass ich für einen Triathlon 1400km an einem Wochenende fahren würde. Da hab ich nur gelacht und gemeint: „Es wird die Reise wert sein!“ Spätestens aber am Freitagabend, als ich nach 8 Stunden Arbeit und 7,5 Stunden Autofahrt um 23 Uhr im Hotel ankam, war ich am absoluten Tiefpunkt angekommen. Eine A7 mit unendlich vielen Baustellen, mehrere Staus, Dauerregen, dieser mich wahnsinnig machende Scheibenwischer, keine einzige Pause und immer stärker werdende Kopfschmerzen. Diese 700km-Horror-Fahrt schiebt sich konkurrenzlos an Platz 1 meiner „schrecklichsten Autofahrten ever“!!! Völlig entkräftet fiel ich sofort ins Bett, mir fielen die Augenlieder zu und ich gab meinen Eltern stillheimlich recht: Niiie wieder würde ich freiwillig den Allgäu Triathlon machen! Ich war tatsächlich verrückt, mir diese Qualen freiwillig anzutun. Aber so sind wir TTB-ler eben – verrückt, wild entschlossen und durchhaltestark!

9 Stunden später sah die Welt schon wieder anders aus. Ausgeschlafen, alle Schmerzen verflogen, ein reichhaltiges Frühstück im Bauch und eine große Portion Wärme und Sonnenschein(!) – ich war hoch motiviert, den Samstag zum Regenerieren und Vorbereiten zu nutzen. Also fuhr ich vom Hotel die 5km zum Ostufer des Großen Alpsees. Besonders beeindruckte mich die Wettkampf-Kulisse. Sie war wunderschön und überwältigend und ein bisschen wie die Ruhe vor dem Sturm: Die fast menschenleere Wechselzone am See und im Hintergrund diese riesigen Berge. Berge, die mir als norddeutscher Flachland-Fahrer wirklich Respekt einflößten. Doch wie heißt es so schön: Angriff ist die beste Verteidigung! Und somit stieg ich ins Auto, um die 42km lange Radstrecke mit dem Auto abzufahren und mir möglichst genau einzuprägen: Die steilen Anstiege, die ultra-schnellen Abfahrten, die engen Kurven und natürlich den sagenumwobenen Karvalienberg.

Wettkampfbesprechung auf bayerische Art.

Anschließend ging es dann nach Immenstadt zur Triathlon Messe sowie zur Wettkampfbesprechung und zur Pasta Party. Spätestens da waren die Qualen der Hinfahrt vergessen und ich platzte vor Motivation und Vorfreude. Ich traf so viele bekannte Gesichter und Freunde von Trainingslagern, die ich lange nicht gesehen hatte, da sie in Süddeutschland wohnen. Mein Vereinskollege Jan (mit Bart) war ebenso mit Freunden angereist. Dazu eine mitreißende, kultige und lustige Wettkampfbesprechung als eine Art Talkshow inszeniert von Hannes Hawaii Tours in einer Art Oktoberfest-Zelt und mit den Triathlon-Stars Daniela Ryf und Jan Frodeno. Da begann ich zu begreifen, warum sich der Allgäu Triathlon die Zusatzbenennung „Kult“ gab und als traditionsreichste deutsche Triathlon Veranstaltung gehandelt wird…

Mega geflasht, total motiviert, aufgeregt und wie auf Wolke 7 fühlte ich mich, als ich mich um 20 Uhr auf dem Weg zum Hotel machte. Dann begann mein finales Vorbereitungs-Ritual: Nochmal die Wettkampf-Tasche prüfen, duschen und zu guter Letzt meinen Nägeln den schönsten Farbton der Welt verleihen: TTB-rot!

Am Sonntag klingelte um 6 Uhr der Wecker. Am Tag zuvor hatten sie auf der Wettkampfbesprechung noch diese phantastischen, warmen Temperaturen hervorgehoben und an den schneereichen Triathlon vor 2 Jahren erinnert. Doch mit „warm“ hatte das da draußen definitiv nix zu tun!! Glücklicherweise hörte der Regen bis 7 Uhr auf, so dass ich mich mit Mütze, Handschuhen und Halstuch kuschelig warm angezogen aufs Rennrad schwang und die 5km zum Wettkampf-Bereich rollte.

Zu dem Zeitpunkt hatte Jan bereits längst in der Wechselzone sein Rad eingecheckt. Denn seine Startzeit für die Mitteldistanz war bereits um 8 Uhr, während ich in der Olympischen Distanz erst um 9 Uhr starten sollte. Da ich mir die Wege bereits am Vortag angeschaut hatte, war ich nach kürzester Zeit in der Wechselzone fertig, hatte noch über 1h Zeit und machte mich auf den Weg, um Jans Schwimmstart mitzuerleben. Die Kulisse mit den vielen Startern und Zuschauern war unglaublich beeindruckend, ich hielt inne und ich genoss das alles für eine Weile. Kurz drauf kam auch schon Jan Frodeno auf den Schwimm-Wendepunkt zu und wurde beim Landgang lautstark angefeuert. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass die letzte halbe Stunde wie im Flug vergangen war und es mittlerweile höchste Eisenbahn war mich auf meinen Start vorzubereiten. Ich hatte es tatsächlich geschafft, so viel Zeit zu vertrödeln, dass ich als Letzte den Schwimm Check-in machte und als letzte ins Wasser sprang. Unweigerlich musste ich grinsen… Irgendwie typisch für mich… 😉 Aber nicht schlimm, denn ich konnte mich noch gut positionieren.

Dann begann der Sprecher laut von 10 herunterzuzählen. In dem Moment dachte ich kurz an meinen Vereinskollegen Jan. Er war mittlerweile auf der Radstrecke. Ich drückte ihm fest die Daumen! Dann fokussierte ich mich auf meinen Start… 5, 4, 3… spannte meine Muskeln an… 2, 1, Schuss! Vom Wasser aus war die Seepromenade mit den zujubelnden Zuschauern noch beeindruckender. Beim Landgang machte ich Meter wett und holte die 3 Mädels vor mir ein. Zurück im Wasser versuchten wir weit in der Ferne die letzte Boje anzuvisieren. Doch ich sah einfach nix. Nur die Schwimmerin vor mir, in deren Schwimmschatten ich mitschwamm. Und so schwammen wir mal mehr nach links, mal mehr nach rechts, hin und her, bis wir endlich die Boje sahen. Ärgerlich, denn dadurch haben wir definitiv wertvolle Zeit verloren. Kaum raus aus dem Wasser verriet mir meine Uhr, dass ich beim Schwimmen definitiv hätte schneller sein können. Dafür war ich beim Wechsel flott und konnte einige Mitstreiter überholen.

Nun kam meine Lieblings-Disziplin und ich freute mich irre aufs Radfahren – trotz der Berge. Bereits 3km später bereute ich meine Gedanken, als ich mitten in Immenstadt nach einer links-rechts-links-Kurve vor dem berühmt berüchtigten Kalvarienberg stand. Da ich die Strecke am Tag zuvor abgefahren war, wusste ich, dass ich gaaanz weit runterschalten musste. Doch dass ich mich die 600m mit nur 10-12km/h hochkämpfen würde, vereinzelt Triathleten sogar das Rad schoben und der Berg mit einer tobenden Zuschauer-Masse gepflastert war, verschlug mir den Atem! Krass!! Unglaublich!!!

Danach ging‘s selten flach und meist bergig weiter. ‚Hoch‘ hieß es Zähne zusammenbeißen und runder Tritt. Vorbei an vielen einzelnen Häuschen, an zujubelnden Familien, an Kindern die abklatschten und versuchten ein paar Meter nebenher zu laufen, weiter vorbei an Frauen, die uns mit Kuhglocken anfeuerten und vorbei an meiner Malle-Trainingslager-Radtrainerin Kathi, die mich lautstark anspornte. Atemberaubend und mega motivierend! ‚Runter‘ war es keineswegs weniger Kräfte zehrend, da ich voll konzentriert ständig abwägte zwischen Gas geben und vor Kurven bremsen. Dieses Hoch und runter war jedenfalls unglaublich anstrengend und eine absolute Herausforderung, wenn man Berge nicht gewohnt ist. Nach 42km Rad gings zurück in die Wechselzone. Erneut super schnell beim Wechsel überholte ich wieder einige Mitstreiter und machte mich auf die Laufstrecke.

Überglücklich über den flotten Wechsel warf ich einen Blick auf die Uhr, um zu prüfen, wieviel Zeit ich für die 10km noch haben würde, um mein Ziel von unter 3h zu schaffen. Doch mein Herz sackte mir in die Hose! Ungläubig starte ich meine Uhr an. Und da stand fest: Ich würde mein Ziel von unter 3h definitiv nicht schaffen! Die Berge hatten viel zu viel Zeit gekostet. Innerhalb von Millisekunden stürzte ich von Wolke 7 in eine „ich hab keinen Bock mehr 10km zu laufen“-Depri-Phase. Jeder Schritt war eine Qual. Mein linker Oberschenkel fing an zu krampfen und ich hatte einfach keinen Bock mehr. Nach 1km kam der Wendepunkt für die Olympische Distanz und glücklicherweise kam mir kurz darauf Jan strahlend entgegengelaufen und spornte mich lautstark an. Ihn (und auch weitere Freunde) so überraschend auf der Strecke zu treffen, riss mich aus meiner Lethargie und gab mir Energie. Die konnte ich gut gebrauchen, denn 1km später wartete der sagenumwobene „Kuhstieg“ darauf erklommen zu werden. Ein ca. 100m matschiger, unebener und vor allem sehr steiler Pfad, auf dem normalerweise die Kühe entlang getrieben werden. Neben mir rannte schon seit einer Weile ein anderes Mädel, die ich auf keinen Fall am Berg ziehen lassen wollte. Das spornte uns beide an. Links und rechts am Kuhstieg feuerten uns lautstark die Zuschauer an, unsere Schritte wurden immer kleiner und kleiner, der Atem immer schwerer und schwerer, bis wir beide kapitulierten und die letzten 10 Meter des Kuhstiegs ins Gehen verfielen. Dann nahm ich all meine Kraft zusammen und überredete meine Beine wieder zum Laufen. Plötzlich riefen mir mehrere Leute „herzlichen Glückwunsch, geschafft“ zu und reichten mir ein Iso-Getränk… zumindest dachte ich das. Ich nahm beherzt einen Schluck… Sekt! Krass! Ich war echt geflasht! Alkohol als Berg-Verpflegung – das schaffen auch nur die Bayern!! Oder doch nicht?! Nach dem Wettkampf stellte sich heraus, dass es vielmehr „Red Bull“ war… Krass, wie mich der Kuhstieg so ans Limit bringen konnte und ich sogar unter Geschmacks-Wirrungen litt… Im Zielsprint jagte ich vorbei an den vielen, jubelnden Zuschauern, den bekannten Gesichtern vom Hannes Hawaii Tours Trainingslager Team, überholte noch ein paar Mitstreiter und erreichte überglücklich das Ziel.

Dank Kaiserschmarrn kehrt die gute Laune schnell wieder zurück.

Dort übermannte mich sofort meine Enttäuschung. Wie schon erwartet hatte ich mein persönliches Zeitziel von unter 3h nicht erreicht. Sooo unendlich bitter… glücklicherweise lenkte mich Flo, den ich im Trainingslager Mallorca kennengelernt hatte, im Ziel von meiner Enttäuschung ab. Auch Jan erblickte ich bald und wir genossen in vollen Zügen die Zielverpflegung. Die hellte sofort meine Laune auf: Schupfnudeln mit Sauerkraut, Kaiserschmarrn, Kuchen, phantastische Obstplatten, Getränke aller Art (auch alkoholische – die Bayern sind echt verrückt!!) und sogar Massage!! Als dann die Ergebnisse eingesehen werden konnten, stellte ich ungläubig fest, dass ich in der Olympischen Distanz sogar eine richtig gute Platzierung gemacht hatte: 7. meiner Altersklasse von 27 Frauen! Und das als Flachland-Fahrer! Mein Herz schlug Purzelbäume und mit einem Mal war die riesige Enttäuschung über mein nicht erreichtes persönliches Zeitziel relativiert und aus der Welt. 🙂

Die 700km Fahrt zurück nach Braunschweig waren am Montag bei Sonnenschein übrigens erheblich entspannter! Und mit 2 Zwischenstopps in Kempten und Ulm habe ich mich sogar historisch weiterbilden können… Wofür Triathlon nicht alles gut ist. 😉 Kempten ist nämlich die älteste Stadt Deutschlands und Ulm hat mit 768 Treppenstufen den höchsten Kirchturm der Welt! Ob die Turm-Besteigung die richtige Regenerations-Einheit war, bleibt offen, aber der Blick war definitiv lohnenswert!

Ergebniss in Zahlen

Jan „mit Bart“ Wetzel (Mitteldistanz)

Disziplin Platz (Männer ges.) AK-Platzierung Zeit
Schwimmen 82 11 00:31:35.8
WZ-1 72 13 00:02:55.5
Rad 103 20 02:39:04
Nach Rad 85 14 03:13:35.4
WZ-2 55 12 00:01:37
Laufen 38 10 01:22:46.5
Gesamt 62 von 514 12 von 75 04:37:59.0

Stephie Ondrusch (Olympische Distanz)

Disziplin Platz (Frauen ges.) AK-Platzierung Zeit
Schwimmen 72 12 00:33:16,3
WZ-1 13 2 00:02:50,8
Rad 50 10 01:34:59,4
Nach Rad 53 9 02:11:06,6
WZ-2 12 2 00:01:17,9
Laufen 59 9 00:53:47,1
Gesamt 47 von 170 7 von 27 03:06:11,6

 

35. Allgäu-Triathlon: „Zwischen Himmel und Hölle“